London, 18.12.2013. In der umfangreichen aktuellen politischen Debatte über die Förderung nicht-traditioneller fossiler Brennstoffe wie z.B. Schiefergas und die daraus entstehenden Einsatzmöglichkeiten für diese Ressourcen durch die Vereinigten Staaten kommt einem wichtigen Aspekt nicht die gebotene Aufmerksamkeit zu: die geo-ökonomischen und außenpolitischen Auswirkungen und Vorteile für die USA, ihre Verbündeten und die globale ökonomische Sicherheit insgesamt, die sich aus diesen neuen fossilen Energieträgern ergeben.

Neue Gasvorkommen und die Exporte von Flüssigerdgas (LNG) aus den USA stellen eine zusätzliche wirtschaftliche Ressource dar, mit der die USA ihre eigene Abhängigkeit und die vieler ihrer europäischen Verbündeten von fremden fossilen Brennstoffen mindern können. Europa ist weitgehend abhängig von Gasimporten, besonders aus Russland, sowie Algerien, Katar und anderen Ländern. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur hing Europas Bedarf im Jahr 2010 zu 60% von Erdöl- und Gasimporten ab und diese Abhängigkeit wird bis 2035 auf über 80% steigen. Gleichzeitig haben die ausländischen Energielieferanten für die EU ihre Bereitschaft bewiesen, die energiewirtschaftliche Abhängigkeit Europas für außenpolitische Zwecke einzusetzen. In der jüngeren Geschichte hat Russland mehrmals Konflikte mit Ländern ausgefochten, die Transitländer für diese Pipelines sind - besonders auffällig waren diese Auseinandersetzungen mit der Ukraine 2006 und 2009 - und diese Konflikte führten entweder zu tatsächlicher oder befürchteter Lieferverknappung nach Europa. Dies hat ausgereicht, um die lokalen Märkte aufzumischen. Allein das Wissen um die Abhängigkeit Europas von fremdem Gas hat ausgereicht, damit die Exportländer ihre Erzeugermacht als außenpolitischen Hebel einsetzen.

Der bevorzugte Transportweg für Erdgas nach Europa sind Pipelines, aber derzeit befindet sich lediglich eine alternative Pipelineroute im Entwicklungsstadium, nämlich von Aserbaidschan nach Europa, um der russischen Erdgasmacht entgegenzuwirken. Dies steigert die Bedeutung von LNG, der weiteren Alternative, entfernte Märkte zu beliefern. Da LNG mit Schiffen transportiert wird, ist die Versorgung nicht durch eine Pipeline-Infrastruktur eingeschränkt. Es kann vielmehr in beliebige Märkte geliefert werden, sofern dort Anlagen für die Rückvergasung bestehen. Derzeit sind in Europa Belgien, Frankreich, Italien, die Niederlande, Portugal und Spanien Länder, die Flüssigerdgas einführen. Zusätzliche Rückvergasungsanlagen und ein steigendes LNG-Angebot auf dem Weltmarkt stärken Europas energiewirtschaftliche Sicherheit. An dieser Stelle sind die USA in der Lage, eine geeignete Option als Lieferant von Energieträgern und Energiesicherheit für seine europäischen Verbündeten zu werden.

Mit einem riesigen Angebot an Erdgas und den technischen Möglichkeiten, stetig große Mengen Gas über die kommenden Jahre zu fördern, wird die Belieferung der Weltmärkte mit bedeutenden Mengen an LNG aus den USA die aktuellen Märkte verändern, die aktuellen Player aufschrecken und letztendlich zur Einrichtung eines liquiden Spotmarktes für Flüssigerdgas führen. Dies erfordert keine Duplizierung der Infrastruktur. Einige Erweiterungen und Anpassungen würden ausreichen, um dafür zu sorgen, dass der Ausfall anderer Versorger die Verbraucher nicht beeinträchtigt. Sobald die Einkäufer in Europa in der Lage sind, liquide globale Märkte anzuzapfen, statt an langfristige Verträge mit einem oder zwei Lieferanten gebunden zu sein, verliert die Aussicht auf Liefersperren oder andere Formen der Manipulation von Gaslieferungen ihren Schrecken. Allein schon die Verfügbarkeit einer adäquaten Infrastruktur für die Rückvergasung von LNG und das Angebot würden eventuell ausreichen, um die Gasexporteure daran zu hindern, ihre Erdgaslieferungen als geopolitischen Hebel einzusetzen. Sie würden ermuntert, sich ernsthaft um Diversifizierung zu kümmern und Marktreformen in Gang setzen, die einen Beitrag zur Verbesserung der globalen wirtschaftlichen Sicherheit führen würden.

Die geopolitischen Chancen, die sich aus der Schiefergasrevolution ergeben, sowie die Aussicht auf Flüssiggasexporte dürfen nicht unterschätzt werden. Trotzdem scheinen diese Überlegungen selten eine Rolle in der inneramerikanischen Debatte über LNG-Exporte zu spielen. Die wirtschaftliche Begründung für eine Steigerung der LNG-Exporte aus den USA sind gut dokumentiert. Eine kürzliche IHS-Studie veranschlagt die Steigerung der Industrieproduktion in den USA auf 252 Mrd. Dollar bis 2020, dank der niedrigeren Energiepreise in den USA und anderen ökonomischen Folgewirkungen aus nicht-konventionellem Erdöl und Gas. Die Gegenargumente teilen sich in zwei Kategorien: 1. Diejenigen der industriellen Großverbraucher in den USA profitieren von niedrigen Erdgaspreisen und wollen deshalb aus Eigennutz die Nachfrage eingrenzen, indem Exportmärkten der Zugang verwehrt wird. Damit wird ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zementiert, das zu künstlich niedrigen Preisen führt. 2. Umweltinteressen, die sich der Fracking-Technik widersetzen, die für die Förderung eines Großteils des US-Erdgases eingesetzt wird. Sie wollen Exportmärkte außen vorlassen, um auf diese Weise die Erdgasförderung einzuschränken. Diese Einwände werden allein schon durch das ökonomische Argument entkräftet. Darüber hinaus gewinnt das Argument pro US-LNG-Exporte an Überzeugungskraft, wenn weiter berücksichtigt wird, dass US-LNG-Exporte die außenpolitischen, geo-ökonomischen und geopolitischen Interessen der USA fördern. Statt einem geopolitischen Rückzug der USA das Wort zu reden, könnten die neuen Chancen aus Schiefergas und Öl eine mögliche strategische Ausweitung der geopolitischen Rolle Amerikas ankündigen.

Autor:
Dr. Mirtchev ist Wirtschaftsexperte des Woodrow Wilson Centers in Washington D.C. Er schreibt regelmäßig zum Thema Wirtschaft- und Energiesicherheit.

Quelle: Pressemitteilung von: ETAR Ltd.: Energy News Deutschland
Bildquelle: Pressemitteilung von: ETAR Ltd.: Energy News Deutschland