Münster, 18.08.2013. Wir alle kennen sie aus dem Biounterricht: Tetrahymena, winzige, pantoffeltierähnliche Einzeller, die wohl in jedem See oder Tümpel zu finden sind. Nun sollen sie helfen, einen Grippeimpfstoff herzustellen, dessen Produktion doppelt so schnell und sicherer als der bisherige Standard ist: Engpässe und Risiken bei Impfstoffen für die saisonale oder pandemische Grippe gehören damit schon bald der Vergangenheit an. Das Verfahren wurde von der Biotech-Firma Cilian AG aus Münster entwickelt und befindet sich aktuell in der Testphase. Das Paul-Ehrlich-Institut, das Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, hat jetzt grünes Licht für die weitere Entwicklung gegeben.
Mit Erteilung des Scientific Advise durch das Paul-Ehrlich-Institut gleich beim ersten Antrag ist die erste große, offizielle Hürde für das Pantoffeltierchen-Vakzin bereits überwunden: Nachdem erste Tests des Impfstoffes CiFlu® in Tieren positiv waren und das bisherige Standard-Vakzin in der Wirkung sogar übertroffen haben, wird das Bundesinstitut nun weitergehende „in vivo-Tests“ begleiten und Beratung leisten: Ein erstes öffentliches Signal für das große Potenzial hinter dem Verfahren.

Schutz vor Vogelgrippe denkbar

Doch warum ist die Produktion mit Hilfe der Tetrahymena eigentlich so viel besser?
„Ich beobachte die Forschungen der Cilian AG schon seit Jahren sehr genau“, erläutert Professor Dr. Arno Tiedtke, Zellbiologe und Biotechnologe von der Universität Münster.
„Tetrahymena-Zellen bieten uns viele Vorteile. Sie haben als Eukaryoten Eigenschaften wie menschliche Zellen. Das heißt, die Substanzen lassen sich auf gleiche Weise herstellen und sind harmlos für Mensch und Tier. Außerdem wäre eine solche Impfstoffproduktion unvergleichlich schneller als die üblichen Methoden. Sie ist flexibel – und könnte uns eines Tages auch vor der Vogelgrippe schützen.“

Pantoffeltierchen sind schneller als Hühner

Das Tempo von Impfstoffproduktionen ist häufig ein entscheidender Faktor: Das Bundesgesundheitsministerium empfiehlt, sich jährlich im Zeitraum von September bis November gegen die Influenza, gemeinhin als Grippe bekannt, impfen zu lassen. Das betrifft insbesondere Kinder und ältere Menschen. Doch was, wenn Probleme bei Herstellung und Lieferung des Impfstoffes aufkommen – so geschehen vergangenes Jahr in Bayern und Norddeutschland? Das Zeitfenster für die Produktion ist knapp: Aufgrund ständiger Mutationen legt die World Health Organization (WHO) erst im Februar die relevanten Erreger für das Winter-Vakzin fest. Beim zurzeit gängigen Verfahren in Deutschland wird der Impfstoff mit großem Aufwand in embryonierten Hühnereiern gezüchtet. Die Hühner-Embryos werden dafür mit dem Virus infiziert, der sich in ihrem Körper vermehrt. Alleine dieser Vorgang dauert in der Regel mehr als zwei Monate.

Abhilfe könnte hier bald der rekombinante, das heißt biotechnisch produzierte, Impfstoff CiFlu® schaffen. „Unser Verfahren ist sehr viel effizienter und sauberer“, so Dr. Marcus Hartmann, Vorstand der Cilian AG. „Im Vergleich zum bisherigen Standard-Vakzin könnten wir größere Mengen fast doppelt so schnell liefern. Das gilt für die saisonale Grippe, aber auch für Pandemien, die sich schnell in der Bevölkerung verbreiten.“

Weiterer Vorteil: Mehr Sicherheit

Die Außenhülle oder Membrane von Grippeviren besteht zu großen Teilen aus einem Protein bzw. Eiweiß: Das so genannte Hemagglutinin.
Hartmann und sein Team programmieren die DNA der Tetrahymena in einem komplexen High-Tech-Prozess so um, dass sie nur diesen Stoff produzieren. Durch die Impfung mit Hemagglutinin bildet der Mensch Antikörper, die den Grippevirus erkennen und sich langfristig an das Protein erinnern. Sie können daher die Oberfläche von Viren schneller identifizieren und effektiv bekämpfen.

Die Produktion des Hemagglutinins eröffnet neben der Herstellungs-Geschwindigkeit einen weiteren Vorteil: Herkömmliche Impfstoffe bestehen teilweise aus abgeschwächten Viren oder virenartigen Partikeln, CiFlu® hingegen lediglich aus Eiweißen. „Bei der Virenzucht in Hühnereiern oder anderen Expressionssystemen besteht immer ein Kontaminationsrisiko, weil man halt mit Erregern oder Partikeln davon hantiert. Um das Risiko zu begrenzen, sind erhebliche Aufwendungen und Vorkehrungen notwendig“, so erklärt Hartmann, während er mit Hemd und Jeans im Labor steht. „So legere, wie ich hier gleich neben der Impfstoffproduktion stehe, ist das bei den bisherigen Verfahren nicht möglich: Da werden richtige Schutzanzüge getragen. Aber hier könnte ich mit der bloßen Hand in einen der Behälter reingreifen – mir würde nichts passieren.“

Kein Antibiotikum, Quecksilber oder Formaldehyd im Impfstoff

Außerdem gibt es im Pantoffeltier-Vakzin keine umstrittenen Inhaltsstoffe wie Quecksilber, Antibiotikum oder Formaldehyd. Bei Standard-Impfstoffen sind geringe Dosen davon zu finden – unter anderem wegen des Aufwaschungsprozesses.
Die Inhaltsstoffe hatten zuletzt bei einigen Teilen der Bevölkerung für Ressentiments gegenüber der Impfung gesorgt. Lediglich zehn bis 15 Prozent der Deutschen lassen sich tatsächlich vor der saisonalen Grippe schützen – mitunter aus Furcht vor Nebenwirkungen oder unverträglichen Inhaltsstoffen. „CiFlu® ist in der Hinsicht sauberer“, so Hartmann. „Da wir lediglich ein harmloses Protein produzieren, sind wir sicher, dass auch die Nebenwirkungen geringer sind. Das werden die nächsten Tests wissenschaftlich bestätigen.“

Mit dem Scientific Advise durch das Bundesinstitut steht fest: Sobald die Pantoffeltierchen auch die kommenden Tests bestanden haben, steht den ersten Versuchen im Menschen nichts mehr im Wege. Ein entsprechender Kooperationspartner für die klinischen Studien wurde bereits gefunden.
„Die Entscheidung des Paul-Ehrlich-Institutes zeigt das Interesse der Experten an dem Verfahren“, so Tiedtke, der sich seit Jahrzehnten mit den besonderen Eigenschaften der Tetrahymena beschäftigt hat. „Ich glaube, dass Dr. Hartmann möglicherweise eine sehr gute, schnelle und sichere Alternative gefunden hat, wirksame Impfstoffe zu produzieren.“
„Wir freuen uns sehr über die Unterstützung durch das Paul-Ehrlich-Institut. Wenn die Tests so erfolgreich verlaufen wie bislang, wird unser Impfstoff einiges verändern – so ein bisschen wie das IPhone den Mobilfunkmarkt revolutioniert hat“, so Cilian-Vorstandsvorsitzender Christian Scheiner. „Wir sind guter Dinge, dass wir mittelfristig mit CiFlu® auf den Markt gehen können. Und wir bereiten uns strategisch darauf vor, dass unsere Partner dann in großen Mengen produzieren werden.“

Fotoquelle: www.cilian.de