Münster, 15. November 2013. Forscher aus Münster und Bochum revolutionieren die Behandlung von Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas): In Kooperation mit den lokalen Unikliniken entwickelt das Biotechunternehmen CILIAN AG aus Münster ein Medikament, das Patienten mit wichtigen Verdauungsenzymen versorgt. Das neue Verfahren ist erheblich sicherer und sauberer als der bisherige Standard.
Unterstützung bekommen die Wissenschaftler dabei aus der Welt der Mikroorganismen: Pantoffeltierchenartige Einzeller werden biotechnisch so bearbeitet, dass sie die gewünschten Enzyme produzieren. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.


Ein Beispiel für die Anwendung des neuen Verfahrens ist die Behandlung von Patienten mit so genannter „exokriner Pankreasinsuffizienz“. Bei dieser Volkskrankheit ist die Bauchspeicheldrüse entzündet und produziert zu wenige Verdauungsenzyme: Der Körper ist nicht mehr in der Lage, fettige und eiweißhaltige Nahrung zu spalten. Durchfälle, Gewichtsverlust und Mangelernährung sind die Folge.

Aber auch Patienten mit anderen Krankheitsbildern wie chronische Pankreatitis, Mukoviszidose oder Bauchspeicheldrüsenkrebs können mit dem so genannten Cilase®-Medikament therapiert werden. Pankreas-Experte: „Wir brauchen dringend eine Alternative!“

„Wir haben alleine bei uns im Haus zahlreiche Patienten, die genau solch ein Mittel benötigen“, erläutert Professor Dr. Waldemar Uhl, Leiter des universitären Pankreaszentrums am Sankt Josef Hospital Bochum. Der Wissenschaftler, der sich seit rund 30 Jahren mit Pankreaserkrankungen beschäftigt, betont damit die Relevanz für den klinischen Alltag. Aus diesem Grund hat sich Uhl bereit erklärt, CILIAN bei der Entwicklung des neuen Medikamentes, der so genannten Cilase®, zu unterstützen. „Die Zulassungsbehörden stehen dem jetzigen Standard-Medikament extrem kritisch gegenüber. Wir brauchen hierfür dringend eine Alternative! Die Lösung von CILIAN kommt da genau richtig“, so Uhl.

Wimperntierchen-Einzeller helfen bei der Verdauung

Bei dem innovativen Verfahren produziert ein Forscherteam von CILIAN die wichtigen Verdauungsenzyme mit Hilfe eines pantoffeltierchenartigen Einzellers, der der Gattung der Wimperntierchen angehört.
„Diese Wimperntierchen eignen sich perfekt, weil sie einfach im Labor zu halten sind, sich rasend schnell vermehren und den menschlichen Zellen in entscheidenden Punkten ähneln“, erläutert Dr. Marcus Hartmann, wissenschaftlicher Kopf bei CILIAN. In einem komplexen biotechnischen Prozess programmiert sein Team die DNA der Kleinstlebewesen – und kann schließlich die Verdauungsenzyme abernten. Hartmann erläutert: „Die Enzyme der Wimperntierchen können absolut sauber und frei von unerwünschten Nebenstoffen hergestellt werden. Ein besseres Verfahren gibt es nicht.“

Unsicher: Verdauungsenzyme vom Schlachthof

Beim jetzigen Standard-Medikament, dem so genannten Pankreatin, werden die Verdauungsenzyme aus Schweinepankreas gewonnen. Dafür nutzen die Pharmaunternehmen Abfälle von Schlachthöfen.
Diese Methode ist aus ethischen Gründen vielfach kritisiert, die Verwendung von Schweineprodukten ist insbesondere in Teilen der islamischen Gesellschaft untersagt. Viel wichtiger ist jedoch, dass Schlachtabfall-Medikamente große Sicherheitslücken bergen: Das Verfahren kann kaum ausreichend standardisiert werden und es ist häufig nicht nachzuvollziehen, unter welchen Umständen die Tiere gehalten wurden.
„Das Infektionsrisiko ist einfach höher“, erläutert Uhl. „Es würde mich nicht wundern, wenn es bald Auflagen gibt, die die Verabreichung von Pankreatin entweder einschränken oder gänzlich untersagen.“

„Die skeptische Haltung der Zulassungsbehörden gegenüber dem Pankreatin ist mehr als angebracht. Hiobsbotschaften aus der Fleischindustrie sind ja nichts Neues: Man denke nur an Gammelfleischskandale oder Schweinegrippe. Schädliche Inhaltsstoffe wie Antibiotika oder Keime sind da nur noch kleine Aufreger“, so Hartmann. „Unser Verfahren ist ethisch völlig unbedenklich und bedeutet eine erhebliche Verbesserung des Produktionsprozesses – zur Sicherheit aller Patienten.“

Uniklinikum Münster testet, Bund fördert

Um Hartmanns Vision zu realisieren, hat CILIAN neben dem Uniklinikum Bochum wichtige Partner gewonnen: Der Bund fördert das Projekt mit einem Millionenbetrag und das Universitätsklinikum Münster testet die produzierten Verdauungsenzyme unter verschiedenen Bedingungen.
„Die menschliche Verdauung findet in sehr unterschiedlichen, teils extremen Milieus statt“, erläutert Dr. Jürgen Schnekenburger, Leiter des biomedizinischen Technologiezentrum am Universitätsklinikum Münster. „Wir haben es mit diversen säurehaltigen Magen- und Pankreassäften zu tun. Unsere Aufgabe ist es, zu überprüfen, wie die von CILIAN entwickelten Enzyme unter solchen Bedingungen arbeiten.“

Zu diesem Zweck bereitet Schnekenburger mit seinem Team zahlreiche menschliche Magensaft-Proben auf. Anschließend mischt er die Wimperntierchen-Enzyme bei und analysiert das Ergebnis. Der Forscher gibt sich zuversichtlich: „Wenn ich mir die bisherigen Testergebnisse ansehe, bin ich sicher, dass wir Enzyme identifizieren, die unsere Anforderungen erfüllen.“

„Bereits jetzt sehr gute Kandidaten für die Lipase gefunden!“

Die Sekrete, die Schnekenburger nutzt, stammen indes von echten Menschen: Aus dem Universitätsklinikum Bochum. Während größerer Eingriffe entnimmt Uhls Chirurgen-Team kleine Magen- und Bauchspeicheldrüsensaft-Proben verschiedener pankreaserkrankter Patienten – ein medizinisch völlig unbedenkliches Verfahren. Die Flüssigkeiten werden anschließend nach Münster versendet.

„Wir haben bislang die Sekrete von rund 80 Patienten nach Münster geliefert“, erläutert Uhl. Auch der Bochumer Pankreas-Experte ist vom Erfolg der Cilase® überzeugt: „Das ganze Projekt entwickelt sich sehr gut. Wir haben schon einige sehr gute Enzym-Kandidaten für die Lipase – das heißt für die Spaltung der Fette – gefunden!“

Erste in vivo Tests erfolgreich

Bei CILIAN, wo die Fäden zusammenlaufen, werden schon die nächsten Schritte geplant. Nachdem erste in vivo Tests der Cilase® bereits sehr erfolgreich waren, sollen weitere Untersuchungen in den Tierversuchsanlagen der Universität Münster erfolgen.
„Die Nachfrage nach einem Mittel wie die Cilase® ist extrem hoch“, so CILIAN-CEO Christian Scheiner. „Wir wollen dem
Bedürfnis so vieler Patienten natürlich zeitnah nachkommen und werden das Medikament so schnell wie möglich zur Marktreife bringen.“

Bildquellen: (c) 2013 www.cilian.de, ©2006 Public Library of Science.doi: 10.1371/journal.pbio.0040304.g001